Über Geschmack lässt sich nicht streiten – über den Inhalt schon!

Dieser Artikel ist Teil unserer ersten Runde zum Thema „Konstruktives Diskutieren und Kritisches Lesen: Ja? Nein? Vielleicht? Und vor allem: wie?“ und stammt von Elena von All meine Träume. (Artikelbild: „MacBook Air Entrepreneur Blogger Business“ (https://www.flickr.com/photos/146625745@N08/31925357513/) von „home thods“ (homethods.com), veröffentlicht unter CC BY 2.0)

Es gab da vor einiger Zeit ein Buch, dass vielen Buchblogger*innen so gut gefiel, dass es eine durchschnittliche Bewertung von mehr als vier Sternen hat. Denn die Liebesgeschichte sei total romantisch und der männliche Love Interest besäße so eine faszinierende Hintergrundgeschichte. Dass das Buch trotz seines sehr problematischen Inhaltes für Jugendliche vermarktet wurde, störte fast niemanden. Die Rede ist von „Der Märchenerzähler“.

Eine ausführliche Besprechung gibt es bei Nija, ich möchte an dieser Stelle nur den „romantischen“ Plottwist in aller Kürze verraten: Die jugendliche Protagonistin Anna wird von ihrem love interest Abel vergewaltigt, verzeiht ihm nach ein paar Tagen und für ihr Liebesleben hat das keine weiteren Konsequenzen.

In den allermeisten Rezensionen, die ich zu dem Buch gelesen habe, wurde auf dieses Plot Device gar nicht eingegangen. Nur ein paar Blogger*innen schrieben, dass dieses Buch nicht für Jugendliche geeignet sei. Ganz wenige Blogger*innen adressierten das Handlungselement direkt und gingen darauf ein, dass diese Auflösung des „Konflikts“ eine ganz fatale Botschaft an Mädchen und junge Frauen sendet.

Damals wurde mir klar, dass sich Buchblogger*innen in verschiedene Typen unterteilen lassen:

    1. Der erste Typ achtet nur auf dem Genuss, der Inhalt ist weitestgehend egal und wird nicht hinterfragt. Entscheidend ist nur, dass die Lektüre gut vorangeht und gefällt.
    2. Der zweite Typ erkennt kritische Elemente, geht aber über diese hinweg, wenn der Inhalt gefällt, um die kognitive Dissonanz zu unterdrücken.
    3. Der dritte Typ adressiert während und nach dem Lesen kritische Elemente und hält die kognitive Dissonanz aus, dass etwas gemocht wird, was kritikwürdig ist.

Aber was ist eigentlich kognitive Dissonanz? Sie ist ein als unangenehm empfundener Gefühlszustand, der dadurch entsteht, dass ein Mensch mehrere Kognitionen (Wahrnehmungen, Gedanken, Meinungen, Einstellungen, Wünsche oder Absichten) hat, die nicht miteinander vereinbar sind. Dieser Spannungszustand tritt zum Beispiel auf, wenn sich eine Person konträr zu ihren Überzeugungen verhält, ohne dass es dafür eine externe Rechtfertigung gibt.

Es ist eben die eine Sache, sich abstrakt mit Diskriminierung und somit Themen wie Inklusion, Heteronormativität und Rassismus zu beschäftigen und dagegen anzukämpfen. Eine ganz andere Sache ist es, den eigenen Konsum diesbezüglich zu hinterfragen und gegebenenfalls kritisch zu betrachten.

Um mit dem obigen Beispiel zu argumentieren: Wenn eine Freundin uns berichten würde, dass sie in einer Beziehung vergewaltigt wurde – würden wir da den Vergewaltiger mit seiner schweren Kindheit und den Umständen entschuldigen? Die Freundin bestärken, dass sie eine besonders romantische Liebesgeschichte hat und sie zu ihm zurückkehren sollte?

Nun mag eingewendet werden, dass das alles nur Fiktion ist. Daraufhin möchte ich erwidern: Woher kommt es denn eigentlich, dass solche pPlot Devices als romantisch empfunden werden? Könnte das nicht vielleicht daran liegen, dass in vielen Geschichten – die wir als junge Menschen gelesen haben – eben solche Handlungen als romantisch verklärt wurden? Denn genetisch verankert ist diese Vorstellung von Romantik nicht, sondern kulturell anerzogen.

Es gibt noch viele weitere Beispiele aus anderen Bereichen: Als weißer Mensch aus einer mittelgroßen Stadt im Ruhrgebiet hatte Rasse für mich bis ins heranwachsenden Alter nie eine übermäßige Bedeutung. Doch heute fällt mir auf, dass damals interkulturelle Freundschaften in den Büchern Mangelware waren. Wenn ging es um Freundschaften mit Menschen aus „westlichen“ Staaten, nicht mit Italienern, Russen und Türken, die es hier aufgrund der Bergbauvergangenheit zahlreich gibt.

Was mir dafür schon sehr früh auffiel: Protagonisten sind nicht behindert, nur Nebencharaktere tragen vielleicht mal eine Brille. Bloß nichts wirklich einschränkendes, wie Diabetes, im Rollstuhl sitzen oder Schwerhörigkeit. Wenn wirklich mal etwas Ernsthaftes vorkommt, spielt die Figur kaum mit oder ihre Behinderung dient als plot device – das ist keine Inklusion!

Die Darstellung von diverser Sexualität ist bis heute davon geprägt, dass fast immer nur der beste Freund oder die beste Freundin homosexuell ist – noch seltener gibt es bisexuelle Charaktere, obwohl diese vermutlich häufiger in der Gesellschaft vertreten sind. Und wenn diese Figur nicht zu Beginn der Handlung geoutet ist, dann stehen die Chancen gut, dass sie heimlich in unsere*n Protagonist*in verliebt sind.

Die Darstellung von diverser Sexualität ist bis heute davon geprägt, dass fast immer nur der beste Freund oder die beste Freundin homosexuell ist – noch seltener gibt es bisexuelle Charaktere.

Jetzt bin ich erwachsen (oder tue zumindest so) und habe mittlerweile realisiert: Die Welt besteht nicht nur aus gesunden, heterosexuellen Weißen. Ganz im Gegenteil, für die meisten trifft wohl mindestens eins davon nicht zu – sie sind von Behinderung oder Krankheit betroffen, nicht straight oder cis, haben eine andere Hautfarbe oder Vorfahren, die nicht von dort stammen, wo sie nun leben.

Dennoch lese ich weiterhin viele Bücher, in denen diskriminierte Gruppen keine Repräsentation erfahren. Der Unterschied zu früher jedoch ist, dass es mir auffällt – und ich damit nicht mehr zum ersten Typ Blogger gehöre. Zudem bemühe ich mich, vermehrt diverse Bücher als Lektüre auszuwählen und nach dem Lesen kritisch zu reflektieren, ob die Repräsentation gelungen ist – eine Weiterentwicklung von Typ 2 zu Typ 3.

Denn Bücher über beispielsweise unheilbar Kranke, die dann doch nicht unheilbar krank sind, schaden! Genauso wie Geschichten über Vergewaltigungen, die romantisiert werden und nach nicht mal fünfzig Seiten keine Auswirkungen mehr haben, wie es in „Der Märchenerzähler“ geschieht! Denn dies sind keine echten Lösungswege für in der Realität Betroffenen.

Zum kritischen Blick gehört, über all diese Aspekte offen diskutieren zu können. Auch wenn es mal oder immer noch Lieblingsbücher von einem sind, muss ausgehalten werden können, dass dieses insbesondere nicht für Jugendliche empfehlenswert ist. Im besten Fall werden fehlende oder mangelhafte Repräsentationen in einer reflektierten Besprechung angesprochen.

Positiv in Erinnerung geblieben ist mir dazu, wie ich neulich auf Twitter mit einer Handvoll Blogger*innen über die Buchreihe und TV-Serie „Shadowhunters“ diskutieren konnte. Obwohl wir fast alle zu einem bestimmten Zeitpunkt Fan von Cassandra Clare gewesen waren, können wir mittlerweile erkennen, dass es viele kritische Aspekte gibt, die „Shadowhunters“ zu einer alles andere als empfehlenswerte Lektüre machen.

Denn auch wenn es sich erst einmal sexy liest, ist es wohl alles andere zu begrüßen, dass sich ein jahrhundertealter Mann an einen soeben erwachsen geworden jungen Mann ranmacht und ihm geradezu nachstellt. Homosexualität macht diesen Sachverhalt auch nicht besser, obwohl damit Leser*innen angelockt werden!

Hier wird zudem das Schema reproduziert, dass es nur genug Hartnäckigkeit bedarf, damit die umschwärmte Person endlich einsieht, dass sie und die nicht aufgebende Person zusammengehören. Nein heißt nein? Nicht in diesem Fall.

Das hält einige der Diskussionsteilnehmer nicht davon ab, die Serie weiterzulesen bzw. zu schauen und es fühlte sich auch niemand persönlich angegriffen. Dies passiert leider viel zu oft, wenn Kritik an einem Buch aufkommt – und nicht an einer Person! Denn es geht nicht darum, jemanden das Lesen bestimmter Bücher zu verbieten. Sondern darum, dass inhaltliche Mängel akzeptiert werden und die Lektüre mit einem kritischen Blick gewürdigt wird.

Es geht nicht darum, jemanden das Lesen bestimmter Bücher zu verbieten.

Übrigens wäre es schön, wenn sich auch alle Autor*innen diesen kritischen Blick aneignen würden und beginnen, zumindest einige diskriminierte Gruppen in ihre Geschichten aufzunehmen. Selbstverständlich muss nicht alles abgedeckt werden, aber was aufgenommen wird, sollte auch als Vorbild für Jugendliche taugen. Und nicht nur als Staffage dienen.

Doch bis es so weit ist, sind wir als Leser*innen und insbesondere Blogger*innen gefragt. Denn nur wenn wir bunte Diversität honorieren und abgedroschene Klischees, eingefahrene Stereotypen und krude Vorstellungen offen kritisieren wird sich die Jugendbuch-Literatur verbessern.

Ein erster Schritt ist offen gemeinsam und nicht gegeneinander zu diskutieren. Denn über Geschmack lässt sich nicht streiten – über den Inhalt schon!

 

Über die Autorin

Elena liest sich seit mehr als zwei Jahrzehnten begeistert quer durch alle Genres, derzeit bevorzugt Fantasy, und durchstreift in ihrer Freizeit gern das Commonwealth. Während ihres medienwissenschaftlichen Studiums setzte sie sich unter anderem mit Games und Gender auseinander. Sie bloggt seit mehr als fünfzehn Jahren, neuerdings auf allmeinetraeume.de, und freut sich über Diskussionen auf Twitter.

Die Autorin bedankt sich an dieser Stelle bei RikeRandom für den wertvollen Input während der Entstehung dieses Artikels.

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6 Kommentare

  1. Es gibt viele Artikel, die das ähnlich kritisch reflektieren, du tust das ziemlich wissenschaftlich, was den Text einzigartig macht.

    Ich denke jedoch, dass wir Leser der Gruppe 1 nicht verurteilen sollten, sondern hinterfragen sollte, warum Leser und Leserinnen das romantisch finden. Ich denke, es geht dabei um Kontrolle. In der Realität kann es schmerzhaft sein, wenn Liebe nicht erwidert wird. Die Fiktion gaukelt uns vor, dass wir das beeinflussen können – indem wir uns besonders bemühen. Indem wir lange genug warten. Oder weil wir hoffen, dass fiese Menschen, die die Realität hat, nicht so fies sind – hinter jeder harten Schalen lauert ein weicher Kern. In der Fiktion werden Menschen geliebt, ohne, dass sie etwas Besonders tun müssen. Dass Leser und Leserinnen Bücher mit dem Schwerpunkt der Unterhaltung lesen, verüble ich ihnen nicht.

    Ich denke, manche Leser sind sogar gut aufgeklärt. Man weiß als Autor nicht unbedingt, wer das Buch liest. Das kann jemand sein, der sich gerade intensiv mit dem Thema Mann-Frau usw. beschäftigt und solche Bücher als Vorbild nimmt. Es kann aber auch jemand sein, der das differenziert betrachtet, aber nach langer Arbeit abschalten will. Der sich beim Lesen auf eine Spannungskurve oder die schöne Landschaft konzentriert.

    Ich lese Bücher gern kritisch und ich finde, es sollte kritischer gelesen werden. Aber damit stelle ich mich über jemanden – und das wäre nicht fair. Ist die Meinung eines Menschen weniger wert, weil sie nicht „kritisch“ ist? Ich bin sehr dankbar für schwärmerische Rezis, weil ich in meinem kritischen Hinterfragen andere Dinge übersehe. Daher bereichert mich das. Jeder Mensch denkt anders und das ist Ordnung.

    Bei der Frage nach der Verantwortung der Autoren sind wir beim Henne-Ei-Problem: Schreibt der Autor für den vermeintlichen Leser oder würde sich der Leser in seinem Denken einem „realen“ Buch anpassen? Oft höre ich das Argument „Ich schreibe für den Leser! Sonst kauft es doch keiner!“ – und ich kann das verstehen. Man will doch Anerkennung bekommen, in Form netter Kommentare und in Form von Geld. Das geht mit Mainstream (leider) gut.

    Fazit: Kritisch zu rezensieren, das ist ein Ideal, nach dem ich strebe. Aber ich verlange das nicht von anderen. Einerseits, weil ich selbst einige Fehler habe 🙂 und weil ich den Maßstab nicht zu hoch legen will. Denn oft trauen sich Mensche nicht, ihre Meinung zu sagen. Wenn ich das Kriterium „kritisch“ anlege, gehen Zwischentöne verloren. Das wäre schade.

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  2. Hi!

    Ein interessanter Beitrag, bei dem ich zwar nicht alles so genau verstanden habe, aber ich denke, zumindest das was du damit aussagen wolltest 🙂

    Gerade der Märchenerzähler, das Buch hab ich damals aus der Bücherei ausgeliehen für meine Tochter, sie war damals 12. Ich hatte es allerdings dann noch vor ihr gelesen, weil es mich interessiert hatte und war danach doch etwas irritiert, warum es in der Bücherei für Kids ab 12 Jahren empfohlen wurde.
    Mir ging es vor allem um die Problematik an sich, die eine 12jährige einfach noch nicht nachvollziehen kann.
    Aber das ganze Thema in dem Buch wurde sehr sehr gut aufgezeigt, kontrovers,natürlich, denn ich denke genau das wollte die Autorin damit erreichen. Das Nachdenken über diese Situation, gerade was Abel betrifft, dessen Geschichte mich schon sehr getroffen hat.
    Deshalb heiße ich aber keine Vergewaltigung gut. Ich denke, da muss man schon differenzieren und das tun auch Teenager. Mir kommt es immer so vor, als halten viele Erwachsenen die jungen Leute für zu doof, als dass sie hier keine Unterschiede feststellen können und vor allem: nicht selbst nachdenken und reflektieren können.

    Natürlich machen sie das auf andere Art als wir – aber gerade bei der Diskussion z. B. bei der Paper Reihe, die fand ich ja extrem überzogen! Zum einen ist die Reihe bei uns in Deutschland nirgends als Jugendbuch gelistet sondern als Erotikroman, und zum anderen fand ich das ganze zumindest in Band 1 auch nicht schlimm. Ich lese in dem Genre nie und hab den ersten Teil jetzt extra deshalb gelesen, weil ich mir auch eine Meinung bilden wollte.
    Klar sind die Jungs da anfangs nicht nett zu der Prota, aber sie lässt sich das auch nicht einfach gefallen. Ich finde schon, dass da sehr viele Zwischentöne vorhanden sind.
    Und: ein Buch kann deine Einstellung nicht von Grund auf ändern, man springt entweder schon von vornherein auf sowas an, oder eben nicht. Ergo: gefällt es einem dann, oder eben nicht.

    Es ändert sich sehr viel, in der Einstellung der Menschen, in dem was man zeigen und sagen darf, in dem was einen beschäftigt. Über was schreiben Autoren denn: über Dinge die sie beschäftigen, die ihnen wichtig sind. Zumindest denke ich mir das. Und die Problematiken heutzutage beschäftigen eben viele und werden immer mehr in Büchern thematisiert. Was auch gut so ist. Wie jeder das ganze dann für sich selbst beurteilt was er da liest, bleibt jedem selbst überlassen – jeder kann und soll sich da ja schließlich seine eigene Meinung bilden.

    Gerade im Märchenerzähler, weil du das so kritisierst, finde ich nicht dass das romantisiert wird. Ich hab das Ende jetzt nicht mehr genau im Detail in Erinnerung, aber was ich mir davon gemerkt habe war, wie schlimm sich eine schwierige Vergangenheit auf die menschliche Psyche auswirken kann – und das gilt für beide (!) Charaktere. Denn das Mädel in dem Buch hatte für mich auch keinen „normalen“ Hintergrund (was man jetzt immer auch unter normal verstehen will). Denn warum springen denn Mädels auf solche Typen an? Da sind keine Bücher schuld, sondern ihre eigene Vergangenheit. Die viel gerühmten „bad boys“ in den Geschichten, da schwärmen doch alle von, und warum? Das sollte man mal hinterfragen 😉
    Nicht die Bücher treiben die Mädels in dieses Schema, das haben sie schon vorher im Kopf, sonst würden ihnen diese Bücher ja gar nicht gefallen – und übrigens auch die Frauen. Sind ja auch genug „ältere“ denen das genauso gut gefällt.

    Liebste Grüße, Aleshanee

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    1. Selbst Erlebtes und im sozialen Umfeld Vorgelebtes werden da unbestreitbar einen Einfluss drauf haben – aber eben nicht nur. Ich denke, den Einfluss von Medien (gerade, aber nicht nur, in jungen Jahren) darf man da nicht unterschätzen – und auch Bücher sind ein Medium, nicht nur Fernsehen & Co. Vorbilder, positive wie negative, hat man eben nicht nur im echten Leben, auch fiktive Figuren übernehmen diese Funktion. Und das fängt ja nicht erst bei so ‚krassen‘ Dingen wie Vergewaltigung an, sondern schon bei viel ‚kleineren‘, viel unauffälligeren Dingen, die dazu führen können, dass missbräuchliche Beziehungen oder diskriminierende Zustände als Normwert internalisiert werden.

      Dass auch Kinder bzw Jugendliche so etwas erkennen und darüber nachdenken können, will ich gar nicht abstreiten – wenn ich von meinen Nachhilfekids ausgehe, tendieren Erwachsene tatsächlich meist eher dazu so etwas zu unterschätzen -, aber ich denke, genau hier greift der Punkt, den Elena bei den drei Bloggertypen anspricht: Kognitive Dissonanz und die Bereitschaft, sich damit auseinanderzusetzen. Wenn ich nur zum Spaß lese, vielleicht auch als Eskapismus, dann will und kann ich mich vielleicht auch gar nicht kritisch mit meiner Lektüre auseinandersetzen, weil das Wissen, dass das, was mich hier gerade gut unterhält, eigentlich problematisch ist. Und daran, dass Rezensionen sich oft kaum oder gar nicht mit problematischen Aspekten in als unterhaltsam empfundenen Werken auseinandersetzen, merkt man, meiner Meinung nach, dass diese Bereitschaft eben häufig nicht da ist – aus welchen Gründen auch immer.

      Und gerade bei weniger offensichtlich falschen Dingen fehlt Leuten oftmals auch einfach die Perspektive und ja, da spielt das Alter dann doch auch wieder rein. Ich habe als Teeny nicht hinterfragt, dass (fast) alle Protagonisten weiß, hetero und so weiter und so fort sind, weil ich es nicht anders kannte – natürlich zum einen aus dem persönlichen Umfeld, aber eben auch aus den Medien. Das hatte auch für meine Selbstwahrnehmung nicht unerhebliche Folgen, aber vor 13 Jahren hätte ich dir nicht sagen können, dass fehlende oder falsche Representation für mich relevanter Themen ein wirkliches Problem ist. Weil mir eben einfach die Perspektive fehlte. Wie es heute noch z.B. in Bezug auf Rassismus ist, weil es nichts ist, was ich erlebt habe, weil ich Rassismen verinnerlicht habe und weil ich, um so etwas zu erkennen, um schädigende Muster zu verlernen und Sensibilität zu entwickeln, Input von Außen (also wieder Umfeld und Medien) brauche, von Menschen mit anderen, betroffenen Perspektiven.

      Awareness funktioniert nun mal auf vielen Ebenen und dazu gehört auch, wie anfangs schon gesagt, die mediale und das kann man ihr auch nicht absprechen. Bücher können genauso sehr negativ wie positiv beeinflussen.

      Gerade deshalb halte ich es für wichtig da wo man kann als Blogger eben diesen kritischen Blick anzuwenden und auch Werke, die man unterhaltsam fand, zu hinterfragen. Weil wir uns nun mal öffentlich und (semi)professionell damit beschäftigen und gerade diejenigen von uns, die nicht mehr 14 sind, sich – hoffentlich – das nötige Repertoire angeeignet haben, um neben subjektivem Empfinden auch objektive Kritik üben zu können. Das funktioniert, wie ich von mir selbst weiß, nicht immer, eigentlich nie vollständig, ist auch gar nicht immer möglich, weil jeder seinen eigenen ‚Filter‘ hat, mit dem er an ein Buch herangeht, aber man sollte es zumindest immer versuchen und für die Kritik anderer offen sein.

      Das heißt zum einen nicht, dass Werke, die kontroverse Elemente enthalten, von Grund auf verteufelt werden dürfen. Denn natürlich spielt textintrinsische Themenkritik eine entscheidende Rolle, wie das Buch selbst mit dem Thema umgeht, ob es Fehler aufzeigt und korrigiert oder unkommentiert stehen lässt oder womöglich sogar als Ideal darstellt. Zum anderen bedeutet das aber eben auch, dass man anderen ihre kritische Meinung nicht aberkennen kann und Büchern nicht über Kritik erheben kann. Denn auch Literatur ist ein Medium, das beeinflusst, Konzepte und Ideen vermittelt, die man mal bewusst, mal unterbewusst aufnimmt und die nicht immer positiv sind.

      Jeder bringt seine eine Perspektive, seine eigene Lesart mit und jedem fallen dadurch andere Elemente auf und keine davon ist ungültig, keine perfekt. Aber gerade, wenn man seine Meinung an die Öffentlichkeit trägt – und das tun Blogger -, sollte man eben versuchen so objektiv wie möglich auf Kritikpunkte einzugehen. Und vor allem sollte man sich nie, niemals persönlich angegriffen fühlen, wenn Werke, die man mag, vielleicht sogar liebt, (objektiv) kritisiert werden. Jeder von uns hat solche Bücher, das ist, dadurch, dass eben jeder seine eigenen Filter hat, auch völlig normal, aber es ist halt manchmal hart und unbequem, sich das tatsächlich bewusst zu machen und dazwischen zu trennen.

      Ähm ja, das ist jetzt etwas ausgeartet fürchte ich ^^ Punkt ist aber: Bücher haben einen Einfluss, den man mMn nicht unterschätzen sollte und sie auf ein Podest zu heben und damit für Kritik unantastbar zu machen ist tödlich für vernünftige Diskussionen 🤷

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      1. Ich lese ja sehr selten Bücher mit solchen Problematiken, aber ich hab ja den ersten Band der Paper Reihe gerade aus dem Grund gelesen – die vielen Diskussionen darum hatten mich neugierig gemacht und ich bin auch in meiner Rezension darauf eingegangen. Wobei ich sagen muss, dass ich das alles überhaupt nicht so schlimm fand wie viele andere. Ich fand sogar, dass die Prota gezeigt hat, dass man sich eben nicht alles gefallen lassen muss… Wobei es ja hier auch eine „erotische Geschichte“ ist und da gehts halt nunmal um Erotik.

        Wenn mir aber in Büchern etwas auffällt, was selten vorkommt, was mir ein negatives Bild in dieser Art rüberbringt, dann schreib ich das auch mit rein.

        Ich denke, als Erwachsener interpretiert man, wie du ja schon sagst, viel mehr rein als Jugendliche. Ich bin aber trotzdem überzeugt, dass gerade das Fernsehen da viel mehr auslöst als ein Buch oder Bücher. Wenn ich sehe was da zurzeit im TV läuft, das find ich viel schlimmer im Einfluss auf das Verhalten von Jugendlichen.

        Aber das kann man auch totdiskutieren 😉 Da gibts eben sehr unterschiedliche Meinungen.
        Du hast da in deinem Kommentar wieder einige Fremdwörter mit reingepackt, mit denen ich ehrlich gesagt nicht viel anfangen kann … aber ich denke, ich habs prinzipiell schon verstanden was du meinst. Es ist einfach schwierig zu differenzieren, was bei wem welches Verhalten auslöst und wie sehr es beeinflusst, das gilt für Erwachsene aber genauso.

        Liebste Grüße, Aleshanee

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