(Kritisches) Lesen im Laufe der Zeit – Wandel oder Stillstand?

Dieser Artikel ist Teil unserer ersten Runde zum Thema „Konstruktives Diskutieren und Kritisches Lesen: Ja? Nein? Vielleicht? Und vor allem: wie?“ und stammt von Mara von herzenszeug.

Ich denke, wir kennen sie alle – die Bücher unserer Jugend, die uns umgehauen und mitgerissen haben, wegen denen wir mehr als nur eine schlaflose Nacht erlebten und die uns regelmäßig an den Rand der Tränen brachten. Letzteres passiert mir bei manchen dieser Bücher auch heute noch, allerdings eher im metaphorischen und negativen Sinne. Aber ist es denn eigentlich verwerflich, die damaligen Lieblingsbücher zu kritisieren? Ist es heuchlerisch, nun Probleme dieser Werke zu benennen und davon Abstand zu nehmen, sie weiterzuempfehlen, obwohl man sie früher so gerne gelesen hat? Und sollte man die Inhalte mancher Bücher überhaupt hinterfragen, oder nicht doch lieber abwinken, denn schließlich kann ja jeder lesen, was er will und ist niemandem Rechenschaft schuldig? Um genau diese Thematik soll es heute gehen – lasst uns herausfinden, wie sich das Leseverhalten im Laufe der Zeit verändern kann und ob das zu befürworten oder eher abzulehnen ist.

Schauen wir uns erst einmal an, welche Art Erzählungen in meiner Zeit als Teenager überhaupt in meinem Bücherregal gelandet sind. Auf der einen Seite wären da Geschichten wie beispielsweise Grischa von Leigh Bardugo, The Seven Realms von Cinda Williams Chima, Die Tribute von Panem von Suzanne Collins, Nosferas von Ulrike Schweikert und die komplette Eragon-Reihe von Christopher Paolini. Sicher, keines dieser Bücher ist perfekt und sie alle haben Stellen, die auf die ein oder andere Art und Weise problematisch sein können. Überzeugt haben sie mich vor einigen Jahren aber trotzdem durch ihre authentischen und glaubwürdigen Charaktere, ihren fantastischen Weltenbau und den hervorragenden Schreibstil. Heute jedoch liebe ich sie noch aus einem anderen, für mich viel wichtigeren Grund: diese Bücher vermitteln mir etwas, lassen mich wachsen, können mir mit ihren Inhalten ein Vorbild sein.

Heute jedoch liebe ich sie noch aus einem anderen, für mich viel wichtigeren Grund: diese Bücher vermitteln mir etwas, lassen mich wachsen, können mir mit ihren Inhalten ein Vorbild sein.

Am besten illustrieren lässt sich das wohl an Mockingjay, dem letzten Band von Die Tribute von Panem, den ich damals zwar als das schlechtestes Buch der Reihe, aber trotzdem als unglaublich gut empfunden habe. Als ich das Buch zum ersten (und zum vierten, fünften, sechsten) Mal gelesen habe, ging es mir hauptsächlich um die Geschichte. Gewinnt Katniss den Kampf gegen das Kapitol, stirbt eine der Hauptfiguren, wie geht es mit den Distrikten weiter? Heute ist da noch so viel mehr – Katniss als Protagonistin zeigt mir, dass manche Erlebnisse eben nicht ohne Probleme verarbeitet werden können, dass es menschlich ist, irgendwann zu zerbrechen und dass das Leben nun einmal nicht immer fair ist. Kein zuckersüßes Happy End, aber eine Botschaft, die einen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Zugegeben, im Gedächtnis bleiben auch die Kernaussagen der anderen Sorte Bücher, die mein jüngeres Ich immer und immer wieder gelesen hat. Nur ist das heute nicht mehr unbedingt etwas, über das ich mich freue. Das prominenteste Beispiel dürfte hier vermutlich die Biss-Reihe von Stephenie Meyer sein, denn nun ja, wo soll man da anfangen? Bella und Edward symbolisieren all das, was meiner Meinung nach eine Beziehung niemals sein sollte.

Er ist besitzergreifend, bricht in ihr Zimmer ein, beobachtet sie im Schlaf und erlaubt ihr stellenweise nicht, das Haus zu verlassen. Bella ist komplett abhängig von ihm, schließt quasi mit ihrem Leben ab, als er sie verlässt und bringt sich deswegen auch noch fast um. Und Sex vor der Ehe gibt es ja aus Prinzip nicht. Aber, ich weiß, das ist romantisch, irgendwie. Oder auch nicht. Wenn man dann noch bedenkt, dass es eigentlich keinen richtigen Grund gibt, weswegen die beiden sich verlieben, außer dass Edward so wunderschön ist und Bella unglaublich gut riecht, ist eigentlich nichts mehr zu retten. Von Diversität will ich hier gar nicht anfangen, denn natürlich wird die Hautfarbe frisch gewandelter Vampire heller, Homosexualität scheint in Meyers Welt nicht vorhanden zu sein und ihre Darstellung von Charakteren ohne weiße Hautfarbe ist schon alleine durch das Konzept der Prägung ziemlich bedenklich.

Und Sex vor der Ehe gibt es ja aus Prinzip nicht. Aber, ich weiß, das ist romantisch, irgendwie. Oder auch nicht.

Diese Kritikpunkte lassen sich in der einen oder anderen Form auch auf weitere Bücher übertragen; bei meinen gelesenen Werken finden sich da beispielsweise A Court of Thorns and Roses von Sarah. J. Maas, Der Kuss des Kjer von Lynn Raven, Starcrossed von Josephine Angelini und Maybe Someday von Colleen Hoover. Man kann von diesen Büchern halten, was man will, aber keines davon vermittelt das Bild einer gesunden Beziehung. Stattdessen gibt es in fast allen dieser Werke eine Abhängigkeit des einen Partners, ein Machtgefälle, emotionalen oder physischen Missbrauch und am Ende die Botschaft, dass alle diese Dinge in Ordnung sind, denn es ist ja schließlich Liebe. Wollen wir diese Denkweise denn wirklich an die Leser dieser Bücher weitergeben? Wollen wir wirklich, dass sich dieses Beziehungsbild in den Köpfen junger und vielleicht auch erwachsener Menschen festsetzt? Wollen wir das tatsächlich einfach so stehenlassen und die Thematik ignorieren, auch in Bezug auf Diversität und die Darstellung von LGBTQ?

Und hier kommen wir zum eigentlichen Problem – haben wir überhaupt das Recht, diese Bücher Jahre später zu kritisieren, wenn wir sie früher doch geliebt und vielen Leuten weiterempfohlen haben? Macht es uns nicht zu absoluten Heuchlern und nimmt uns jede Legitimation, über die angesprochenen Geschichten zu urteilen? Für mich lässt sich diese Frage mittlerweile eindeutig beantworten: natürlich dürfen wir Kritik üben und auf diese Probleme aufmerksam machen. Warum sollten wir das Recht dazu verlieren, wenn wir so doch beide Seiten kennen und wissen, was die Faszination dieser Bücher ausmachen kann? Mein vierzehnjähriges Ich konnte nicht genug von Bella und Edward bekommen, heute macht mich ihre Beziehung einfach nur wütend. Dabei müssen auch nicht zwingend unzählige Jahre zwischen diesen beiden Positionen liegen; A Court of Thorns and Roses erschien beispielsweise 2015 und ich habe erst vor wenigen Monaten festgestellt, wie viele Probleme diese Reihe doch hat und was darin alles falsch läuft.

Was zählt ist, grundlegend dazu bereit zu sein, die eigene Meinung und das eigene Leseverhalten zu reflektieren und schließlich auch zu kritisieren. Dabei ist es egal, ob das direkt nach Beenden des Buches geschieht oder viele Jahre braucht – sich weiterzuentwickeln und zu wachsen ist niemals etwas Schlechtes, egal, wann es passiert. Lieblingsbücher, egal ob frühere oder jetzige, sollten in keinem Fall unantastbar sein, denn kritisches Lesen und vor allem Selbstreflexion sind unglaublich wichtig. Ich möchte auch gar nicht sagen, dass man diese Bücher dann ab sofort verteufeln und nie wieder in die Hand nehmen sollte. Wie mit solchen Werken umzugehen ist, muss jeder für sich selbst entscheiden und es gibt nicht die eine richtige Lösung. Entscheidend ist für mich nur, dass man über manche Inhalte nachdenkt, sich vielleicht eingesteht, dass man einiges davon heute nicht mehr vertreten kann und für sich akzeptiert, diese Bücher nun auch offen zu kritisieren. Denn das Einzige, das man unter allen Umständen vermeiden sollte, ist Passivität. Probleme einfach zu ignorieren, schafft sie nicht aus der Welt, sondern verstärkt sie im schlimmsten Fall noch. Und nur so kann schließlich ein Dialog entstehen, an dessen Ende sich die Buchwelt im Idealfall ein Stück verändert hat und wir anfangen, stärker darüber nachzudenken, welche Auswirkungen manche Inhalte eigentlich haben können.

 

Über die Autorin

Mara_Autorenfoto kleinMara studiert irgendwas mit Medien, bloggt auf herzenszeug.de über alles, was das Leben schöner macht, ist im Herzin Jedi-Ritter und liebt das Fußballspielen über alles. Sie will nach Mittelerde reisen, Hyrule erkunden, Himmelsrand durchwandern, Winterfell besuchen, Clan Lavellan kennenlernen und in Beutelsend Mohnküchlein essen – am besten alles auf einmal. In diesem Sinne: Möge die Macht mit euch sein. Finde Mara auf ihrem Blog herzenszeug oder auf Twitter.

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6 Kommentare

  1. Hallöchen,
    ein unglaublich interessanter und toller Text! Ich hinterfrage gerade all meine Kindheitshelden… Aber so wie du es beschreibst, hab ich es auch schon oft gefühlt. Ein Buch, dass ich als Kind geliebt habe, nochmal gelesen und gedacht:“was ist das denn für Stuss?“ teilweise stimmen die Handlungen nicht oder ich finde den Schreibstil mittlerweile komisch.
    Aber wie du sagst.: die Frage ist wirklich, ob wir darüber jetzt noch urteilen dürfen. Ich erinnere mich auf jeden Fall gern an meine Twilight-verrücktheit, aber nachvollziehen kann ich es aus heutiger Sicht nicht mehr!
    LG Luisa

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  2. »Sich weiterzuentwickeln und zu wachsen ist niemals etwas Schlechtes, egal, wann es passiert.«
    Preach it, lady! ♥

    Vielen Dank für diesen klugen, reflektierten Beitrag, über das, was Literatur für uns tun kann, und über das, was passiert, wenn man realisiert, dass sie es nicht tut oder es ihr nicht so gelingt, wie man es sich wünschen muss.

    Ich denke, jeder weiß, wie schmerzlich es werden kann, verliert ein Lieblingsbuch seinen Status, büßt eine Lieblingsautorin ihre Unantastbarkeit ein. Es ist auch völlig legitim, dass dieser Prozess schmerzlich ist und dass er seine Zeit braucht, womöglich auch Ruhe, womöglich mehrmalige Hinweisreize, bevor der kognitive und emotionale Lösungsprozess beginnen kann. Dinge, in die wir Herzblut investieren, geben wir ungern her.

    Umso wichtiger uns die Verantwortung vor Augen zu halten, die wir spätestens in dem Moment auf uns laden, in dem wir unser Lesen öffentlich machen und Plattformen nutzen, um unsere Einschätzung als Orientierungshilfe für andere Menschen bereitstellen. Man darf sich irren. Man darf sich später korrigieren. Aber man sollte die Implikationen dessen, was man sagt, regelmäßig und kritisch prüfen. Denn natürlich können wir nicht wollen, dass problematische Inhalte unkommentiert stehen bleiben.

    Toxische Beziehungen mögen ja ebenso lehrreich sein wie gesunde (wobei ich bereit wäre, auch darüber zu diskutieren – mir scheint, wir bräuchten eigentlich mehr Lektionen in gesunden Beziehungen. Toxische Beziehungen begegnen uns ja so viel öfter in den Kulturmedien.), aber dann möchte ich sie nicht romantisiert, sondern problematisiert sehen. Idealer Weise im Werk, spätestens in den Besprechungen desselben.

    Also, ja, vielen Dank für deine Zeit und Mühe. Ich bin da ganz bei dir. Wir sollten uns hin und wieder mit den Podesten beschäftigen, die für unsere Lieblinge bauen, und damit, ob sie ihren Platz auf diesen (nach wie vor) verdient haben.

    Allerliebste Grüße,
    Kira

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  3. Liebe Mara,

    du schreibst zu einem Thema, das mich in den letzten Jahren auch beschäftigt hat. Gerade die Twilight-Geschichte, dessen ersten Band ich als Teenager verschlungen habe und die mir jetzt, im Nachhinein, und auch schon beim Lesen der Nachfolgebände wirklich gruselig und ungesund erschien. Vor ein paar Jahren habe ich eine Biographie der Autorin gelesen, in der auf die Bezüge zu ihrer Religion – sie ist Mormonin – verwiesen wurde und sich das Bild für mich etwas klärte.

    Gerade beschäftige ich mich mit Tolkien, dessen Werk ich verehre, das aber auch immer wieder ein Anlass sein kann, sich mit dem ihm innewohnenden Rassismus zu beschäftigen. Artikel, die allein auf den zeitlichen Entstehungskontext der Geschichte verwiesen, konnten mich nicht überzeugen.

    Eine weitere Welt brach zusammen (hört sich dramatischer an, als es tatsächlich war), als ich eine nicht gerade schmeichelhafte BBC-Verfilmung über das Leben von Enid Blyton sah. Die Welt der ,,Fünf Freunde“ sehe ich seitdem mit anderen Augen. Ich habe hier darüber geschrieben. https://wissenstagebuch.com/2017/08/11/enid-blyton-zum-120-geburtstag-entzauberung-einer-kindheitsheldin/

    Ich bin sehr dafür, dass man die Lieblingswerke aus früheren Tagen kritisch beleuchtet. Die Kritik muss anderen ja nicht gleich den Lesespaß nehmen, sondern regt vielmehr zum Nachdenken an.

    Viele Grüße
    Jana

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  4. Interessantes Thema. Grundsätzlich würde ich sagen, dass man Dinge immer kritisieren darf,egal wann und egal wie oft man die Dinge gelobt hat. Denn man sollte sich eben klar sein, dass jederzeit das eine Argument kommen könnte, das die eigene Meinung völlig umstellt, das erlebe ich selbst auch immer wieder. Und dann sollte man auch einsehen können, dass man seine Meinung eben geändert hat. Sowas passiert. Vielleicht kommt ja auch gleich jemand mit einem einzigen Satz um die Ecke, der mich denken lässt: „Nein, Bücher zu kritisieren, die man mochte, ist völlig daneben“.
    Sowas kann und sollte aber eben einfach sachlich passieren, und ganz klar als die subjektive Meinung dargestellt werden, und nicht wie ein Fakt. Mit Leuten, die ihre Meinung als Fakten darstellen, lässt sich unheimlich unangenehm und schwer nur diskutieren.
    Und schlussendlich ist das Buch auch nur ein Buch. Was die Menschen herauslesen und daraus mitnehmen, hängt eben sehr stark von den Einzelnen und auch vom kulturellen, zeitlichen, was weiß ich welchem Kontext ab.
    Wie dem auch sei, cooler Text!

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  5. Ein sehr schöner Artikel und ich finde es Klasse, dass auch mal so über die Bücher geschrieben wird. Es heißt ja tatsächlich nicht, dass diese Bücher schlecht sind, was Du auch schreibst, sondern, dass man sie im Laufe der Jahre und eigener Erfahrung anders betrachtet und das ist vollkommen in Ordnung.

    Was mich allerdings stört ist, und auch das schreibst Du, dass sich Muster wiederholen. Ich habe vor kurzem einen Vampir-Serienvergleich gemacht und auch da gibt es einfach ein Rezept, nach dem die Geschichten funktionieren. Mich hat die Biss-Reihe zur Weißglut gebracht, besonders in Diskussionen mit älteren Damen (ich spreche hier von 40+), die diese Werke wundervoll und als einzigartige Metaphorik empfunden haben. Gut, vielleicht bin ich dann wieder zu jung gewesen. Zwar habe ich nur die Filme gesehen, fand sie aber unerträglich, allerdings nicht wegen der Schauspieler.

    Wie aber sollten die Protagonisten handeln? Sollten sie näher am wahren Leben sein? Das ist schwierig, schließlich lesen wir doch auch, um uns in andere Welten entführen zu lassen und eine gewisse Sehnsucht nach dem Happy End ist uns allen inne.

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